Der weiße Knast
Tagebuch eines Krankenhausaufenthaltes
Vergessen sie St. Angela, Die Schwarzwaldklinik oder Bereitschaft Dr. Federau. Dieser Erlebnisbericht ist nah am Leben. Ganz nah. Der aus Funk und Fernsehen bekannte Autor Saxopolit schleuste sich im Winter des Jahres 2003 nach der Wallraff-Methode in ein deutsches Klinikum ein. Erstdiagnose: Akute, fiktive Bronchitis Rektoralis.Tauchen sie mit dem Saxopolit ein in die Welt zwischen Desinfektion und Depression.
Zur literarischen Umsetzung seiner
Rechercheergebnisse wählte er die Tagebuchform. Inhalte sind verändert, ergänzt, bisweilen fragmentarisch. So beginnt es auch mittendrin...-wegn des Datenschutzes wird der Saxopolit im Folgenden kurz SVEN genannt.
12. Tag
Neuzugang auf meinem Zimmer. Nun die üblichen Floskeln: „Ich bin Walter, das ist Sven.“ Mein Name ist Jürgen. Hallo Sven, hallo Walter“. Wir sind hier auf Zwangs-Du. Walter: „Ich hab nur noch ein viertel Magen. Sven ist noch dran mit der OP.“ Walter und ich fragen Jürgen im Duett warum er denn hier sei. “Ich hab die Jeepfahrerkrankheit“ Wie bitte ? Ja, Jürgen ist Kraftfahrer. Wenn man 6-8 Stunden auf dem Bock sitzt könne es schon mal sein, dass ein Rückenhaar nach innen wächst. Der Sitz und die Straßenzustände tun dann ihr übriges. „So was verschleppt sich“. Bei Jürgen hat sich also ein harmloses, falschgerichtetes Haar zum störenden walnussgroßen Furunkel entwickelt. Was für eine Metamorphose! Bei ihm sei jedoch sowieso alles anders herum. Er habe das Herz sprichwörtlich am rechten Fleck. In der Fachsprache heißt das situs inversus totalis . Alle inneren Organe sind spiegelverkehrt angeordnet. „In Deutschland gib es etwa nur 20 Fälle“ lässt Jürgen uns nebenbei wissen.
Natürlich ist er schon mal im Fernsehen aufgetreten. Sonst führt er ein normales Leben. Wir können es kaum glauben. Auch die Ärzteschaft, die unsere ungläubigen Gesichter besänftigt, hätte gern eine Röntgenaufnahme von ihm. Als Exot würde sie in der anatomischen Sammlung „Fjodr Stepanovitch“ des Klinikums neben der Raucherlunge und dem Hundewelpen mit drei Ohren sicher einen Platz finden.
Ich hoffe inständig, dass sein Körper nie in die Hände einesPlastinators fallen wird.
16. Tag
Kurz nach acht, es ist so weit. Chefarztvisite. Ein Geschwader aus Stationsschwestern, Assistenzärzten, Praktikanten und Pflegern umsäumt den Chefarzt wie ein Rudel halbstarker Rüden eine läufige Hündin. Anfangs glaubte ich, die Anzahl oder Dicke der Kugelschreiber am Revers weißt auf den Dienstgrad der Weißkittel hin. Oder die Stärke der Akten, in die sie jeden gefallenen Satz mit inhaltsschwangererer Mine protokollieren. Heute eröffnet der übereifrige Stationsarzt Dr. Peters die Visite, in dem er dem Chefarzt meinen Zustand in möglichst komplexen Sätzen gespickt mit reichlich Ärztelatein gebetsmühlenartig vorkaut: „Das ist Herr Bartsch. Er wurde eingeliefert mit einer akuten, fiktiven rektoralen Bronchitis unklarer Genese. Die auf ihre Anweisung, Prof.von Litzewitz, durchgeführte gastroenterale Hydrosonographie lässt auf eine aktive Progredienz unter Beteiligung der masakrierten Langerhansschen Inseln abdomenal schließen.“
Ich stelle mir vor, wie Dr. Peters im Nachtdienst heimlich den Meister-Kittel überstreift und vorm Spiegel das altväterliche Chefarzt-Grinsen übt. Es ist aber keine Frage der Übung. Dieses beruhigende Lächeln, das intellektuelle Überlegenheit, Sicherheit und Ruhe ausstrahlt kann nicht antrainiert werden. Richtig eingesetzt reicht es meist auf Patientenfragen wie „Ist die Operation wirklich unabwendbar?“ vollkommen aus, und es bedarf keiner weiteren Erläuterung. Noch ist Peters aber Stationsarzt. Noch muss er in solchen Fällen Antworten wie: „Wir können sie nicht zur Operation zwingen. In der Notaufnahme ist immer jemand da. Sie kennen unsere Adresse.“ aus dem Ärmel schütteln.
Nach dem Report des Stationsarztes überlegt der Chef kurz, während ich mich in das Kopfkissen drückend auf sein Urteil vorbereite. Weitere Untersuchungen? Eine Operation? Neue Drogen? Endlich die gesetzesgleiche Empfehlung des Klinikleiters von Litzewitz: „Herr Bartsch trinken sie viel, das spült.“
17. Tag
Kurz nach der Fütterung. Ich sitze auf dem Gang um noch etwas zu verdauen. Der von 114 trägt freiwillig sein Tablett und das seiner Zimmergenossen zum Essenswagen zurück.. Streber. Offiziell heißt es, er müsse sich doch bewegen. Aber ich durchschaue ihn. Am Wagen angekommen, erntet er ein freundliches Lächeln der Schwestern und darf sich als Belohnung einen nicht gegessenen Joghurt mitnehmen. Mit einer Sieger-Visage verschwindet er vorbei an mir, der noch an den Stuhl gefesselt ist, in seiner Kemenate. Das reicht. Ich trommle die Jungs zusammen. Heute nach dem letzten Rundgang der Nachtschwester setzt es Stationskloppe. Es muss vor allem schnell gehen. Jürgen zieht die Notklingel aus der Verankerung, während Walter dem Verräter das Kopfkissen auf den Kopf drückt. Jetzt bin ich am Zug. Ich lasse meine Krücken tanzen. Vorerst nicht auf seine Narbe. Wir dulden keine Verstöße gegen die Gesetze des Ganges! Schon gar nicht beim Essen.
19. Tag
Bei manchen Schwestern scheint es einen Mechanismus zu geben, alle über 70Jährigen als pauschal grenzdebil einzustufen, und sie mit wir anzusprechen. „Wir haben ja die Medizin noch gar nicht eingenommen. Herr Erler, wollen wir nicht am Tisch zu Abend essen? Wir müssen doch wieder zu Kräften kommen.“ Natürlich wollen wir, Schwester. Setzen sie sich doch dazu, da werden wir ja sehen, ob uns das schmeckt. Schlackwurst und Magerquark. Streichzarter Schmelzkäse, fettarm salzlos, geschmacklos. Der Diät-Pudding schillert in allen Lebensmittelfarben. Seine Ingredienzienliste liest sich wie das Who is Who der indizierten E-Stoffe. Das kulinarische Sahnehäubchen jedoch ist die allabendliche pikante Suppe, deren einzigen Unterscheidungsmerkmale von Tag zu Tag Konsistenz und Farbe sind.
Erstaunlich,was man aus Erdöl alles machen kann...
22. Tag
K urz nach der OP- zurück auf Station. Ich komme nicht in mein altes Zimmer. Gleich stellt mir die Schwester meinen Mitbewohner vor. „Das ist Herr Salmiak.Er ist Araber und spricht kein Wort deutsch“ Wir schauen also zusammen die Weltnachrichten auf CNN an, wobei ich etwas verunsichert bin, an welchen Stellen ich lachen sollte. Herr Salmiak ist sehr freundlich. Freundlich warm ist auch die von ihm eingestellte heimatliche Zimmertemperatur.
22. Tag
Nachdem ich am Vortag brav alle festen Bestandteile aus meinem Verdauungstrakt abgeführt habe (mit der Wunderflasche ***lind® forte) warte ich im Krankenbett vor der Röntgenabteilung auf die erleuchtende Durchleuchtung. Gelangweilt vom eigenen und fremden Elend der Wartenden schweift mein Blick nach rechts zum Kaffeeautomaten. Nach längerem Studium der Getränkeliste fällt mir ein Knopf ins Auge: Die BECHERSTORNOTASTE. Gehört das zur dritten Stufe der Ökosteuerreform ? Welcher Genius hat sich denn dieses Unwort einfallen lassen. Jedenfalls wird die Abgabe des braunen Saftes ohne Becher mit fünf Cent entlohnt. Als ich von der Untersuchung zurück komme, hat sich eine Schlange notorischer Kunststoffschnabeltassenverweigerer mit eben solchen vor dem Automaten aufgereiht und frönt unbekümmert und preisgünstig der blutdrucksteigernden Maßnahme.
28. Tag
Die Sonne scheint. Oder war das gestern ? Nur noch fünf Stunden bis „Wer wird Millionär“ Die Tage werden länger.
Letzter Tag
Der Chirurg und Chefarzt von Litzewitz verabschiedet sich mit einem Händedruck, der mich spüren lässt, dass jede Fingerkuppe einzeln versichert ist: „Tschüss, Herr Bartsch. Auf Wiedersehen sagt man ja bei uns nicht so gern.“ Da ist es wieder, dieses väterliche Chefarzt-Grinsen.
Nachdruck und Kopie nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.
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In dieser Reihe weiterhin erschienen:
„Die Schnitte von der Visite“
„Wie Herr Birne das Herz an den rechten Fleck bekam“
„Kafkaeske Kanülen und Flexülen“


